Zur Geschichte des Abendgymnasiums Lübeck

Seit Ende der fünfziger Jahre gab es an der Volkshochschule Lübeck Vorbereitungskurse für die sogenannte „Fremdenreifeprüfung“. Zu dieser Abiturprüfung konnte man sich als Berufstätiger anmelden, ohne ein Gymnasium besucht zu haben. Die Lehrkräfte der Vorbereitungskurse an der VHS waren auch mit der Abnahme der Prüfung betraut, die unter dem Vorsitz von zwei Vertretern des Kultusministeriums in Lübeck stattfand.

Mit der zunehmenden Zahl von Interessierten sowie angesichts der Tatsache, dass in Kiel inzwischen ein eigenständiges Abendgymnasium eingerichtet worden war, fragte der Lübecker Senat – die Personalhoheit lag damals noch bei der Hansestadt - bei dem damaligen Schulleiter der Oberschule zum Dom an, ob er bereit sei, in den Räumen der OzD nebenamtlich ein Abendgymnasium aufzubauen. Dieser stimmte dem Vorhaben nach Informationsbesuchen am Kieler Abendgymnasium und nach eingehenden Gesprächen zu, sodass im Einvernehmen von Kultusministerium und Senat die Gründung des „Städtischen Abendgymnasiums der Hansestadt Lübeck“ beschlossen werden konnte. Es war das 35. Abendgymnasium der Bundesrepublik Deutschland. Sein erster Schulleiter wurde der Direktor der Oberschule zum Dom. Ab 1. April 1965 konnte nach ausführlicher Information der Öffentlichkeit durch die Presse der erste gut besetzte Vorkurs unterrichtet werden, der dann im Herbst 1968 auch den ersten Abiturjahrgang stellte. 1975 wurde das Abendgymnasium eine selbständige Schule unter der Leitung von OStD W. Krüger.

Die Schülerzahl lag seit 1975 ziemlich konstant bei 130 bis 160 Schülern. In den 90-iger Jahren sank sie auf 120 bis 130, weil nach der Wiedervereinigung Zoll und BGS, aus deren Reihen viele Schüler des Abendgymnasiums kamen, den Lübecker Raum verließen. In den 70er und 80er Jahren waren bis zu 50 Lehrkräfte nebenamtlich mit jeweils vier oder sechs Wochenstunden am Abendgymnasium beschäftigt. Mitte der 80er Jahre wurde diese Nebentätigkeit in eine hauptamtliche Tätigkeit umgewandelt, sodass sich die Anzahl der Lehrkräfte stark reduzierte.

Was war und ist denn nun das Besondere an der Schulart Abendgymnasium? Erwachsene Schüler, die die mittlere Reife und eine abgeschlossenen Berufsausbildung nachweisen müssen, können in sechs Semestern das Abitur erlangen. (Bis 2002 war diesen drei Jahren noch ein sogenannter Vorkurs vorgeschaltet, in dem sich die Schüler an die neue Lernsituation gewöhnen konnten und an den Oberstufenstoff herangeführt wurden.) Die sechs Semester bestehen aus einer 2-semestrigen Einführungsphase und den nachfolgenden vier Semestern der Qualifikationsphase.

Außer für die Abiturprüfungen der eigenen Schüler war und ist das Abendgymnasium Lübeck auch für die sogenannte „ Abiturprüfung für Externe“ ( früher „Abiturprüfung für Nichtschülerinnen und Nichtschüler“) zuständig, also für die Prüfungen, die seinerzeit als „Fremdenreifeprüfung“ zur Entstehung des Abendgymnasiums geführt haben. Die Kandidaten dieser Prüfungen kommen hauptsächlich von der Privatschule „Pädagogium“ in Bad Schwartau; grundsätzlich wird diese Externenprüfung aber auch für Teilnehmer aus ganz Schleswig-Holstein angeboten, die sich privat auf das Abitur vorbereitet haben.

Das Abendgymnasium hat in seiner Geschichte mehrere starke Veränderungen mitgemacht. Die erste betraf die oben erwähnte Umwandlung der nebenamtlichen Tätigkeit der Lehrkräfte in eine hauptamtliche. Die zweite folgte Ende der 90er Jahre, als die Abendgymnasien in Schleswig-Holstein aus Kostengründen abgeschafft werden sollten. Das konnte, dank der starken Proteste seitens der Schüler und Lehrer sowie der Öffentlichkeit, zwar verhindert werden, die vom Ministerium angestrebten Einsparungen für die drei noch bestehenden Abendgymnasien in Schleswig-Holstein (Kiel, Lübeck, Flensburg) wurden dennoch erreicht, wenn auch auf anderem Weg: Die Vorkurse wurden abgeschafft und es wurden nur noch einmal pro Jahr neue Schüler aufgenommen. (Bis dahin fand die Aufnahme neuer Schüler und damit auch die Abiturprüfung zweimal jährlich statt.) Eine weitere organisatorische Veränderung trat mit dem Schuljahr 2003-2004 ein, als die OzD Lübeck zur Dienststelle des Abendgymnasiums wurde, das Abendgymnasium somit keine eigenständige Dienststelle mehr war. Mit dem Schuljahr 03/04 begann auch die Kooperation des Lübecker Abendgymnasiums mit dem „vhs-Forum für Weiterbildung“. Die VHS bietet seither als Ersatz für die 2002 aus Kostengründen abgeschafften Vorkurse in den Fächern Deutsch, Englisch und Mathematik Vorbereitungskurse für das Abendgymnasium an. Eine wichtige Veränderung befindet sich noch in der Planungsphase: Das Unterrichtsangebot des Abendgymnasiums soll durch Online-Learning erweitert werden, es wird angestrebt, neben dem bewährten Präsenzunterricht eine Klasse einzurichten, in der Präsenz- und Distanzphasen als „Blended Learning“ kombiniert werden. Damit könnte auch den Erwachsenen der zweite Bildungsweg eröffnet werden, die aus verschiedenen Gründen nicht an fünf Tagen in der Woche zum Unterricht kommen können.

Es bleibt zu hoffen, dass die Erprobung dieses Projektes bald erfolgen kann, damit das Abendgymnasium auch in Zukunft möglichst vielen Schülern ihren Weg zum Abitur ermöglicht.

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